Es ist schon bemerkenswert, wenn ein Buch in der 10. Auflage erschienen ist, das fiel mir gleich beim ersten Durchblättern auf. Ein Bestseller also, das hat mich natürlich neugierig gemacht. In der Geschichte dreht sich alles um den Buchhändler Carl Kollhoff, der in seiner Heimatstadt einem kleinen, treuen Kundenkreis die bestellten Bücher, so wie er das schon immer macht, zu Fuß nach Hause liefert. Falls dir dieser Roman bisher auch entgangen ist, lies unbedingt weiter.
(enthält Werbung) Carl Kollhoff arbeitet schon immer für die Buchhandlung Gruber. Auch jetzt noch, obwohl er längst über 70 Jahre alt ist. Die Tochter des alten Gustav Gruber, der inzwischen in einer Seniorenresidenz lebt, sieht die Botengänge nicht gern. Als nachfolgende Inhaberin verfolgt sie einen modernen Weg. Sie will, dass die Kundschaft in die Buchhandlung kommt oder sich die Bücher schicken lässt.
Doch Carl möchte seinen wenigen Stammkunden die Bücher weiterhin selbst überbringen. Der Botendienst ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Er hat jedem von ihnen sogar literarische Spitznamen gegeben. Und so geht er jeden Tag seine Runde, um Mister Darcy, Effi Briest, Frau Langstrumpf und den anderen ihre Bestellungen zu bringen.
Eines Tages begegnet er Schascha, die ihn schon länger beobachtet und nun abgepasst hat. Das neunjährige Mädchen möchte den Buchspazierer unbedingt begleiten, ob er will oder nicht. Besonders die Kundschaft interessiert sie, und schnell ist sie davon überzeugt, dass Carl ihnen nicht die richtigen Bücher bringt. Es sind nicht die, die sie wirklich brauchen. Kann sie vielleicht besser hinter die Fassade schauen als er? Doch Carl hält an seiner Routine fest. Dennoch hat ein leiser Wandel bereits eingesetzt. Durch die Freundschaft zu Schascha ist der Grundstein für eine Veränderung längst gelegt.
Die Geschichte ist in einem schlichten, zugänglichen Stil geschrieben. Sie wirkt zunächst besonders warmherzig und berührend. Doch im letzten Drittel des Buches kippt die fast märchenhaft anmutende Stimmung und wird ernst und dramatisch. Es war zu erwarten, dass sich irgendwann tieferer Sinn ergeben muss. Dennoch wirkt diese Wendung auf mich nicht ganz stimmig. Und auch die weitere Entwicklung mag sich nicht richtig ins Gesamtbild einfügen.
Diese 10. Auflage ist als sehr schöne Schmuckausgabe erschienen. Ich habe das Buch tatsächlich im öffentlichen Bücherregal entdeckt. Es war also ein Glücksfund. Die Geschichte unterhält gut und liest sich angenehm. Warum sie allerdings so außergewöhnlich beliebt ist, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Mit dieser Meinung stehe ich aber scheinbar ziemlich alleine da, schließlich wurde das Buch sogar verfilmt.
Carsten Henn: Der Buchspazierer, Piper, 978-3492074001, Belletristik, Roman
© Text Lesefreizeit
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